Der demokratische Aufbruch, die Konservativen und das Militär

Zwischen 1940 und 1954 verdoppelten sich in Uruguay die Reallöhne. 1954 erklärte Präsident Luis Batlle Berres, nach einer Europareise: „Nach meinem Besuch in der Schweiz kann ich Ihnen versichern, dass man dieses Land tatsächlich als das Uruguay Europas ansehen kann.“

Ab Mitte der fünfziger Jahre verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation. Der Agrarsektor erwies sich als wettbewerbsunfähig. Nicht zuletzt durch die Steuerung der USA musste Uruguay einen schmerzhaften Lateinamerikanisierungsprozess erdulden. Pensionist’innen und Arbeitslose machten bald 40% der Bevölkerung aus. In den Wahlen von 1958 verlor die seit 94 Jahren regierende Colorado Partei die Macht an die konservativen Blancos. Vornehmlich nordamerikanisches Kapital bemächtige sich wichtiger Wirtschaftszweige in Uruguay. Während bis dahin immer noch viele Europäer’innen in das Land migrierten, ermöglichte Präsident Pacheco Areco 1967, unter dem Vorwand die Subversion zu bekämpfen, dem Militär die Zerschlagung der Arbeiterschaft und der Parteien. Ab 1968 herrschte bereits der Ausnahmezustand.

Der uruguayische Dichter Mario Benedetti schrieb in einem Erzählband: „Wir dachten, der Feind sei ein konservativer Gentleman, und da war es eine mörderische Bestie.“

Mario Benedetti Foto_Luis_Stabauer

Und später in seinem Gedicht „Mann im Gefängnis seinen Sohn betrachtend“

auch wenn du noch jung an Jahren bist Kleiner
glaube ich dir die Wahrheit sagen zu müssen
damit du sie nicht vergißt

deshalb verberge ich dir nicht daß sie mir Elektroschocks gaben
bis mir fast die Nieren zerplatzt sind

alle diese Geschwüre Schwellungen und Wunden
auf die deine runden Augen
hypnotisiert blicken
sind stahlharte Schläge
sind Stiefeltritte ins Gesicht
zu groß der Schmerz als daß ich ihn dir verbergen könnte
zu Schlimmes habe ich durchgemacht als daß es wie
          weggeblasen wäre

Uruguay geht voran

Der Nationalheld Uruguays, José Gervasio Artigas, organisierte 1811 eine breite Aufstandsbewegung gegen die spanische Krone, die vor allem von Viehhirten, Landarbeitern und Indios getragen wurde. Danach prägten Interessenskriege der Besitzenden und der Nachbarländer das 19. Jahrhundert. Die Urbevölkerung, die Charrúa, wurde beinahe ausgerottet, die lebenden Nachfahren werden bis heute gerne verschwiegen.

José Garvasio Artigas
Bild: https://www.todo-argentina.net

José Batlle wurde 1903 Präsident. Er startete ein konfliktentschärfendes Sozialprogramm.

Als erstes Land im gesamten Kontinent führte Uruguay am Beginn des 20. Jahrhunderts eine soziale Demokratie ein. Der Acht-Stunden-Tage, eine Pensions- und Arbeitslosenversicherung, eine Unfallversicherung, eine gesetzliche Regelung der Frauenarbeit, Mindestlöhne, bezahlter Urlaub, sowie ein besonderer Schutz der Familie wurden gesetzlich verankert. Die neue Verfassung von 1919 festigte die politischen Strukturreformen.

Meine Vorbereitungen

Freund’innen warnen mich immer wieder, sie werden nicht wissen,

  • dass Uruguay bezüglich Corona GRÜN ausgewiesen ist,
  • dass es ein ausgezeichnetes Gesundheitssystem gibt,
  • dass keine Impfungen vorgeschrieben sind,
  • dass die Kriminalitätsrate verglichen mit den südamerikanischen Nachbarstaaten gering ist,
  • dass Uruguay bezüglich Korruption und Bestechung strenge Gesetze hat,
  • dass der Bildungsstand recht hoch ist, z.B. jedes Kind schon seit Jahren in der Schule einen Laptop bekommt und
  • der Zeitunterschied nur -4 Stunden beträgt und ich schnell wieder daheim wäre 😊
Die Gitarre nehme ich nicht mit.
Foto Gerald Grubhofer

Trotz alledem, ein wenig vorsichtig bin ich doch und habe als Naturfreunde-Mitglied eine sehr günstige Versicherung für eventuelle KH-Aufenthalte und für eine Rückholung abgeschlossen.

Meine Motivation

Ich bin Gerald Grubhofer, am 28. Juli 1996 in Steyr geboren. Im Sommer 2020 habe ich das Bachelor-Studium Lehramt/Sekundarstufe abgeschlossen und das Masterstudium vorerst aufgeschoben. Motiviert von den Aktivitäten in und mit der Attac Gruppe Steyr wollte ich Politische Bildung studieren, inzwischen ist mir die konkrete politische Arbeit wichtiger. Seit 2018 treffen wir uns dafür im Steyrer Betriebsseelsorgezentrum „Mensch und Arbeit“.

Die Steyrer Arbeiter’innengeschichte kannte ich nur sehr oberflächlich, die Rattenlinie war mir gänzlich unbekannt, ebenso wie die Hintergründer der Hinrichtung Josef Ahrers. Ich entschied mich, weiter zu recherchieren. Seinen Sohn Joe lernte ich in Steyr kennen, er erzählte mir einiges.

Bald erfuhr ich, dass die Schwester Josef/Sepp Ahrers, Maria, nach Uruguay geflüchtet war. Sie lebt nicht mehr, aber ich lernte ihren Sohn, José Ahrer Pinelli über das Attac Netzwerk kennen und bin immer noch beeindruckt, er hatte fünf Jahre lang das höchste Amt im Staat inne, bevor er wieder Abgeordneter wurde. 2020 zog er sich auch als Senator zurück, da er in seinem Alter und wegen Corona nicht mehr direkt mit den Leuten reden konnte, und es für ihn ohne diese Kontakte keinen Sinn machte weiter Abgeordneter zu sein. Seine Geschichte und seine Aussagen haben mich motiviert, José kennenzulernen.

Anfang 2022 breche ich nach Montevideo auf. Meine Reise-Tagebuch-Einträge und Fotos werden in Uruguay entstehen. Inwieweit sie auch in den Roman „Sein Genick brach nicht“ einfließen werden, wird der Autor Luis Stabauer entscheiden. Ich bin in seiner Geschichte der Chronist und werde über die Familie Ahrer in Steyr und in Uruguay recherchieren!

Leser’innen dieses Blogs können mich gerne über geraldgrub@luis-stabauer.at kontaktieren.

Es geht los

Montag, 27.12.21, die Airbnb Wohnung von Camila ist bestätigt: Libertad, 2599-2555, apto xx, Montevideo, Uruguay, der Flug vom 28.1.22 bis 14.4.22 gebucht.
Der Autor, Luis Stabauer, bezahlt mir den Flug und die Wohnung, für das dortige Leben komme ich selbst auf, so haben wir meine Arbeit als Chronist vereinbart.

Habe die Auszeit ausgewählt, um nach dem Studium klar zu werden, was und wo ich arbeiten werde: Werde ich weiterhin in Steyr wohnen, wo werde ich mich weiter engagieren, …? Bin sehr gespannt, ob und wie mich diese zweieinhalb Monate verändern.

Werde ich es schaffen, meine Belastungen von „daheim“ abzustreifen, unbelasteter zu leben: Werde ich Covid und die daheim im Raum schwebenden Spaltungen in Lateinamerika besser aushalten, gar überwinden? Was bedeutet der Aufbruch für mich? Bin jedenfalls gespannt, die Kultur in Uruguay zu spüren, in die Geschichte einzutauchen und auch die Spuren diverser Schriftsteller (Galeano, Benedetti, …) zu suchen.

Vielleicht finde ich in Montevideo eine gute Tanzschule und eine sympathische Tanzpartnerin, um endlich den Tango-Argentino zu erlernen? Die „GEA-Tanzwunder“ packe ich jedenfalls ein.

Luis hat mir noch empfohlen, mit einer uruguayischen ORF Journalistin Kontakt aufzunehmen, das mache ich noch von Ö aus, mit zwei weiteren Kontaktvorschlägen habe ich bereits gesprochen.

„Damit du weißt, wie alles begonnen hat“, hat mir Luis noch geschrieben, „schicke ich dir die Zeitangaben vor und unmittelbar nach Marias Migration nach Montevideo.“

Zeitschiene:

18.8.34 (Sa) Maria fährt mit dem Schiff von Marseille ab und lernt Pino auf hoher See kennen.
26.8.34 (So) Sie verbringen ihre erste Nacht im Rettungsboot
12.9.34 (Do) sie sind wieder im Rettungsboot, Maria meint die Schwangerschaft zu spüren, Pino redet mit dem Kapitän, sie heiraten am Schiff.
22.9.34 (Sa) Ankunft in Montevideo
15.10.34 (Mo) Arbeitsbeginn für beide in der Schuhkooperative
November 1934 – Der Bauch wächst, Pino und Maria treten einer Landwirtschaftskooperative bei, kaufen einen kleinen Bauernhof am Stadtrand und ziehen dort am 31.12.34 (Mo) ein.
26.5.35 (So) José wird am Bauernhof geboren, Beistand von Rayen, einer Mapuche Hebamme.
18.5.1938 Brief von Marias Mutter über Situation in Steyr kommt in Montevideo an.
26.5.38 (Do) Maria schreibt wieder TB, holt einiges in Stichworten nach, sie hört und liest vom Einmarsch Hitlers in Ö
18.5.39 (Di) Fahrt nach Buenos Aires, Pino und Maria wurden informiert, dass Fürst Starhemberg (musste vor den Nazis aus Ö flüchten) am 23.5.39 (Mo) Ländereien vom Argentinischen Präsidenten bekommen soll.
23.5.39 (Di) Pino Giuseppe Pinelli wird von argentinischen Miltärs überwacht und attackiert. Der kleine José muss es miterleben.