Abschied mit …

Vieles gäbe es noch zu erzählen, elf Wochen gehen zu Ende. Der Graureiher, so er einer ist, wartet im Rio del la Plata auf das Schiff, ich auf den Flieger, der mich heimbringt.

Gefühlen:

  • Nie hatte ich eines der Unsicherheit oder gar der Angst. Im Gegenteil. Immer wieder ließ ich meinen Rucksack mit Geld, Handy und alledem am Strand liegen, um im knöcheltiefen Strandwasser zu laufen, zu beobachten, wie es mit mir und mit dem Sand spielt. Nie sah ich jemanden, der oder die die Tasche oder den Rucksack in der Stadt ängstlich gehalten hätte. Nie hatte ich Kontakt mit der Polizei.
  • Ich hatte mir die Zeit einfacher vorgestellt, trotz einiger Gespräche, die Einsamkeit in den Abendstunden, allein essen zu gehen, nur für sich zu kochen, allein zu frühstücken, mit niemandem das Geschriebene reflektieren zu können, … es war eine Herausforderung.
  • Die Candombe Umzüge, die Trommeln der Schwarzen im Februar haben mein Brustbein vibrieren lassen, ich trage diese Form des Widerstandes in mir.
  • Am 8. März hielt ich zweimal am Straßenrand inne, die Augen wurden feucht, es war die beeindruckendste und kreativste Demonstration, die ich bisher erleben durfte.

Erinnerungen:

  • Das Café Brasilero könnte ein Wiener Café sein. Zeitungen liegen auf, leise und anspruchsvolle Musik rieselt von der Decke, der Kaffee, der Wein und das Essen sind ausgezeichnet, Mario Benedetti und Eduardo Galeano blicken von den Wänden, es war ihr Stammcafé. Das untere Bild ist das Café Apotheke.
  • Beim morgendlichen Lauf auf der Rambla bin ich leicht gestolpert. Fünfzig Meter weiter fragt mich ein Arbeiter der Stadtgemeinde: „War dort ein Hindernis, sollen wir etwas machen?
  • Obdachlose und Hundesitter:
  • Mahnmal zum Holocaust am jüdischen Volk

… und bereit zum Aufbruch:

  • Gibt es ein weiteres Land in dieser Welt, in dem ein Politiker sagt, Anarchist zu sein und zum Staatspräsidenten gewählt wird?
  • Kein Ende, nur eine Zwischenbilanz: José, der Neffe von Sepp Ahrer hat sich ordentlich gemausert; geboren in Montevideo, seine Mutter Maria aus Steyr hat viel, sehr viel dazu beigetragen. Der Kreis könnte sich schließen. Sepp, der Arbeiter aus Steyr, der von den Christlich-Sozialen Hingerichtete, könnte in José Pinelli Ahrer neu geboren worden sein. José der Ex-Guerillero und Ex-Präsident hat aufgezeigt, dass basisorientierte Politik, konsequentes Verhalten von Mehrheiten verstanden und akzeptiert wird.
  • Selbstverwaltete Betriebe und Kooperativen sind seit Beginn der Republik Uruguay ein wichtiger Bestandteil und sie wachsen weiter. Sie könnten weltweit eine Alternative zu kapitalistischem Wirtschaften sein, würden uns erlauben, ökologisches und solidarisches Denken global zuzulassen, würden die Ausrede „aber die anderen produzieren billiger“ zumindest einschränken, weil die Gewinnmaximierung wegfällt.
Weißer Reiher am Strand von Positos.

Danke an die vielen Mit- und Nachleser’innen! Immer wieder habe ich mich über eure Kommentare oder Rückmeldungen per Mail gefreut. Ihr habt meinem Aufenthalt mehr Gewicht gegeben.
Die letzten acht Tage werde ich nützen, um das Gesammelte weiterzubearbeiten, für den Roman aufzubereiten. Bin nach wie vor über Mail erreichbar, aber mit den Blogs war es das, ich winke euch allen zu und freue mich wieder auf Österreich.

Liebe Grüße Gerald

Tourismus-Woche

Die Immigrant’innen, ein Werk von Juan Manuel Blanes

So wird die Osterwoche in Uruguay auch genannt. Es sollte nochmals warm werden und viele werden im Land, nach Brasilien, Paraguay, Argentinien oder Chile reisen. Für mich könnte es nochmals Sonne und letzte Bademöglichkeiten im Silberfluss geben – es wäre ein schöner Abschluss nach elf Wochen Recherche- und Kulturaufenthalt im kleinesten Land Südamerikas, welches immer noch in etwa die halbe Größe Deutschlands ausmacht.

Noch immer gäbe es vieles zu erforschen. Zum Beispiel habe ich das Leben der schwarzen Bevölkerung beinahe nur über die Candombe-Umzüge im Fasching, sowie an einigen Plätzen auch an allen Sonntagen, mitbekommen. Ich habe mich gestern wieder einmal in einem Museum umgesehen. Das Museo Nacional de Artes Visuales am Parque Rodó bietet beeindruckende Malereien und Installationen südamerikanischer Künstler. Der Eintritt ist auch hier frei.

Ich denke, dies wird der vorletzte Blog sein. Zum Abschluss werde ich nochmals in einer Rückschau räsonieren, … um mich dann wieder auf Österreich und Steyr zu freuen. Die abscheulichen Bilder und Nachrichten über den Krieg in Europa habe ich verfolgt, sie sind tatsächlich weiter weg.

Ein Klimageräte-Trottel

Leider kein Aprilscherz: In den letzten Tagen ist der Herbst in Uruguay eingezogen, mit Temperaturen von 11° am Morgen. Trotz dicker Decke habe ich in den Nächten heftig gefroren und obwohl noch zwei Gespräche offen sind, habe ich bei Iberia angefragt, was eine Umbuchung, also eine frühere Rückkehr kosten würde. Die Sorge, mich bei diesen Temperaturen zu verkühlen und auch in dieser Kälte nicht schreiben zu können, war vor allem in den Nachtstunden enorm.

Heute habe ich die Vermieterin angefragt, ob sie nicht eine Heizung hat. Und siehe da, die Klimageräte können auch zur Erwärmung verwendet werden, ich hatte keine Ahnung, siehe Titel.

Also doch noch weiter recherchieren und die letzten Daten sammeln. Nach dem ergiebigen Gespräch mit Andréz Danza, einem der Autoren des Buches „Una oveja negra al poder“ (Ein schwarzes Schaf an der Macht), folgt noch ein Termin mit einem Historiker und eventuell ein weiterer mit einer jungen Lyrikerin.

Die Linke verlor die Volksabstimmung mit 50,52% zu 49,48%

Die verpflichtende Abstimmung, gegen die Regierung zu erreichen, war schwierig, es gelang. 135 Artikel des Gesetzes sollten mit dem „SI“ aufgehoben werden. Die national-konservative Regierung und andere konservative, bis weit rechte Kräfte, waren für das „NO“.

„Es ist das erste Mal, dass sich ein Präsident in einen Wahlkampf einmischt“, sagte Mujica am Wahltag und meinte die Botschaften von Präsident Lacalle Pou, sie doch regieren zu lassen.

Die knappe Niederlage der Frente Amplio und der PIT-CNT Gewerkschaften in Uruguay ist schmerzhaft. Das Dringlichkeitsgesetzes (LUC) der Regierung wurde mit einer Volksabstimmung bestätigt, die davor initiierte Volksbewegung hat es knapp nicht geschafft. Auch hier in Uruguay gibt es ein Stadt-Land Gefälle, von fortschrittlich zu konservativ, in Montevideo stimmten 55,9% für das „SI“.

Es gab Ansätze zum Dissens in der „SI“ Bewegung, einige warfen der Frente Amplio Anpassung sogar neoliberale Aufbereitung vor, aber letztlich haben alle am „SI“ zur Aufhebung von 135 Artikel mitgemacht und waren in der Kampagne dabei. Ob diese Stimmen doch einige abgehalten haben?

Die rosaroten Flaggen, Aufkleber und Transparente markierten ein wenig die mittlere bis untere Klasse der Autos, stärker war der Unterschied bei den Aushängen in den Wohnungen zu bemerken, ärmere Viertel waren vorwiegend rosarot geschmückt.

Der 27. März 2022

Drei Obdachlose mit ihrem „Hausrat“ am Ufer in Montevideo

In den letzten Wochen war José Mujica mit siebenundachtzig täglich in der Kampagne für das „SI“ in der verpflichtenden Volksabstimmung am 27. März unterwegs. Die Frente Amplio und die Gewerkschaften rufen auf, die 135 Artikel der rechtskonservativen Regierung von Luis Lacalle Pou zu verändern. Sie bewirken im Speziellen für Frauen nachhaltige Verschlechterungen, vor allem im Bildungsbereich und in der Kinderbetreuung. Schauspieler und einfache Menschen unterschiedlichen Alters und beiderlei Geschlechts machen über Video-Clips in den letzten Tagen der Kampagne auf den bevorstehenden Abwärtstrend im Sozialbereich und die Erhöhungen der Kraftstoffpreise aufmerksam. Mit den steigenden Mietpreisen werden die Obdachlosen täglich mehr.

Für mich ist es schwer, die Auswirkungen der 135 Artikel wirklich zu durchschauen. Wie wird die Bevölkerung damit fertig? Ich warte gespannt auf den 27. März 2022. Die Mehrheit für das „SI“ würde ein wichtiger Sieg gegen die Tendenzen der derzeitigen Regierung sein.

Der General

Der Prado Park liegt ebenfalls noch im Stadtgebiet, ist riesengroß und wird vom Fluss Arroyo Miguelete durchzogen. Erneut sind viele Sportflächen platziert, hier auch ein Leichtathletik-Stadion, ein kleiner Reitstall und eine Blumenkooperative.

Am Rand des Parkes ist seit 1947 das Liceo Militar untergebracht. Das wäre weiters nicht bedeutend, hätte nicht der spätere General Guido Manini Ríos Stratta bekannt, dass er dieses Liceo besuchte, weil er die Tupamaros bekämpfen wollte. Was er offensichtlich auch gemacht hatte. Verteidigungsminister Eleuterio Fernández Huidobro* und Präsident José Mujica baten Ende 2011 trotzdem, den Senat Guido Manini Ríos zum General zu befördern. Obwohl sie wissen mussten, dass Manini den Notar der Republik als Familiennotar hatte, womit einige Besitzungen verschleiert wurden, und er vieles versucht hatte, damit Beteiligte an den Folterungen in der Militärdiktatur nicht verfolgt wurden.
Erst nachdem General Nanini einige Gesetze der Republik verletzte, musst ihn Präsident Tabaré Vásquez (nach Mujica) degradieren.
Mag sein, Nanini hatte es darauf angelegt. Jedenfalls gründete er eine neue rechte Partei. Sein Familiennotar wurde stellvertretender Vorsitzender und Kandidat für den Vizepräsidenten.

El Liceo Militar General Artigas


Die Partei Cabildo Abierto (etwa offene Lobby, aber in der Geschichte auch eine Selbstverteidigungsgruppe in der Nachbarschaft), ist selbst nach einer Wähler’innen-Befragung weit rechts einzustufen und derzeit mit etwa 10% die viertstärkste Partei Uruguays. Sie wollen das liberale Marihuana-Gesetzt aufheben, die Abtreibung wieder verbieten und auch die gleichgeschlechtliche Ehe nicht zulassen.

* Huidoboro, genannt El Ñato, starb 2016, er war Journalist, Politiker, Schriftsteller und Guerillero der Tupamaros. Ursprünglich wollte er Fußballer werden, aber der beginnende Faschismus in Uruguay ließ ihn zum Kämpfer werden.

Carlos Páez Vilaró

Casapueblo auf Punta Vallena

Der uruguayische Universalkünstler malte, schrieb, plante und baute Häuser (wie „Casapueblo“ in der Nähe von Punta del Este, mit Unterstützung von Freund‘innen, aber mit den Händen), war Bildhauer und komponierte. Die weißen Häuser, beinahe an der Mündung des Rios de la Plata, sind wahrscheinlich das bekannteste Bauwerk, in welchem auch ein Museum zu seinen anderen Kunstschätzen eingerichtet ist. Der Bau liegt auf einer walähnlichen Halbinsel (Punta Ballena). Der erklärte Afrikaliebhaber hatte viele enge Kontakte zu zeitgenössischen Künstlern, wie Picasso, … und unter anderem einen engen Austausch mit Pablo Neruda.

Die aus dem Sand ragende Hand in Punta del Este, dem östlichsten Punkt Uruguays und dem Zusammentreffen des Atlantiks mit dem Rio de La Plata, ist vom chilenischen Künstler Mario Irarrázabal kreiert, der den ausgeschriebenen Kunstwettbewerb „Mensch und Natur“ gewonnen hat. Der Rest von Punta del Este ist „na ja“, eben eine Touristenburg, unter anderem mit in hügeligen grün gelegenen Häusern der Reichen aus dem gesamten Kontinent und nennt sich Beverly Hills.

Die Saison geht langsam zu Ende, daher ist es möglich, auch nach Punta del Este mit dem Auto hineinzufahren, war eine Erklärung der Reiseleiterin des Tagesausfluges. Anscheinend stellt ein Souvenir-Laden ganzjährig nicht nur Hanfprodukte aus, sondern auch Pepe Mujica. Er war auch da.

Porträt: Der Stierkampf in Colonia

Autos und Straßen aus seinerzeit spiegeln die Geschichte.

1910 wurde die Stierkampf-Arena in Colonia del Sacramento, der ältesten Stadt Uruguays, eröffnet. Die Erbauer dürften nicht mit dem neuen Staatspräsidenten gerechnet haben.
José Batlle y Ordóñez ist nicht nur der Begründer des Sozialen Wohlfahrtsstaates in Uruguay, in seiner Amtszeit wurde unter anderem die Trennung von Kirche und Staat durchgeführt, … und, er hat 1911 den Stierkampf verboten, nach nur neun Stierkämpfen in der Arena.

José Batlle y Ordóñez (Don Pepe) meinte: „Es kann nicht sein, dass das Töten von Tieren in einer sozialen Gesellschaft ein Vergnügen für die Menschen ist.“

Bis 2021 stand der wunderschöne Bau am Stadtrand von Colonia leer und wurde in den letzten Jahren renoviert. Jetzt finden dort Konzerte und Kulturevents statt, eine Bodega mit Galerie ist für Einheimische und Besucher ständig geöffnet. Was kann von einem Land mehr erzählt werden?

Früher gab es hierher auch eine Bahnlinie, heute verwenden Jugendliche den Bahnhof als Treffpunkt. Es gibt konkrete Pläne, die Bahnlinien in Uruguay zu erneuern und in Betrieb zu nehmen, ob nur für Lastzüge oder auch für den Personenverkehr ist in Diskussion.

Hier in Colonia ist der Rio de la Plata “nur” mehr fünfzig Kilometer breit. In einer Stunde ist Buenos Aires mit der Fähre zu erreichen. Die Gebäude des Hafens sind zu sehen.

Durchaus an Österreich erinnert mich: Eine junge Schriftstellerin (einige Gedichte konnte ich lesen, sie haben mich tief berührt) muss sich ihren Lebensunterhalt anders verdienen, sie arbeitet als Reiseführerin in einer Agentur.

Meine Kreise werden größer.

Die Strände außerhalb Montevideos werden breiter und vor allem ruhiger. Oft liegen zwischen dem Rio de la Plata-„Meer“ und den dünnen Besiedlungen Wanderdünen. Zu den Wochenenden ziehen viele von der Stadt hinaus, meist Richtung Osten, Richtung Brasilien.

Ganz im Gegensatz zu Österreich, wo doch immer noch am Land tendenziell mehr Konservative wohnen, sind hier viele rosa Fahnen mit dem „Vota SI“ der Frente Amplio und der Gewerkschaften zu sehen. Die Volksabstimmung wird am 27. März sein, ich bin gespannt. Die Italien-stämmige Familie der vierten Generation eines Weinbauhofes werde ebenfalls mit „SI“ stimmen, sagte einer von ihnen, „die Nationalen werden den Staat ruinieren“, war ein Argument. Die Weinverkostung war ein Genuss, leider wird nicht nach Österreich exportiert.

Endlich bekam ich auch den Film „Pepe Mujica – Der Präsident“ von Heidi Speconga. Welch ein Beispiel, welch anderer Präsident, welche „First Lady“, welch großartige und philosophischen Aussagen! Warum sehen wir solche Filme nicht im ORF? In Zusammenarbeit mit ARTE, SRF und WDR wurde eine politische Alternative filmisch dargestellt. In Österreich ist der Film kaum zu bekommen.

José Pepe Mujica und Lucía Topolansky

Auch Mujicas kleiner Bauernhof liegt am Rand von Montevideo, gefühlt am Land. Ich werde meine Kreise in Uruguay erweitern.

Mojito und Mujica im Café Parador

Direkt an der Playa Positos, dem größten Strand im Zentrum, liegt das Café Parador. Neben einem ausgezeichneten „Ensalada Cesar“ werden die Biere in Literflaschen und Sektkübeln mit Eis serviert. Da ich kein großer Biergenießer bin, habe ich anderes versucht. Der Maracuja-Wein schmeckt vorzüglich und der Mojito ebenfalls.

Playa Positos, der Blick nach Westen

Zu Letzterem haben mich die beiden Geschäftsführer’innen, Veronika und Christian mit einer Anekdote überrascht: José Mujica sei in seiner Präsidentschaft ein paar Mal hergekommen und habe mit Freunden einen Mojito getrunken. Beim zweiten Mal habe Christian gefragt, wieder einen Mujica? Er habe herzhaft gelacht. Seither gibt es hier für Insider’innen den Mujica, der sich durch nichts vom Mojito unterscheidet.

Playa Positos, der Blick nach Osten

Heute habe ich eine weitere Überraschung erlebt. Zwei Tische neben mit sitzt eine ältere Frau. Eine mächtige Spiegelreflex-Kamera liegt vor ihr. Sie liest „Tage und Nächte von Liebe und Krieg“ von Eduardo Galeano, auf Deutsch. Ich kenne das Buch aus meinen Recherchen und wurde neugierig. Eine Österreicherin ist hier gelandet und plant Naturaufnahmen und Menschenbilder in Uruguay zu machen. Wir reden angeregt, sie weiß viel über die Geschichte Uruguays und im Speziellen über José Mujica.

Wir sind beide von unseren Absichten und Vorinformationen beeindruckt, plaudern lange und vereinbaren, in den nächsten Tagen einige Ausflüge gemeinsam zu realisieren.